Hebel 12 / Globale Währung, Abkehr vom Dollar als Leitwährung

»Übertragung der Faktoren auf eine Weltwährung

Betrachtet man die Größe der Volkswirtschaft, dann müsste eine Weltwährung aus einer der wichtigen Leitwährungen oder aus ihrer Kombination hervorgehen. So besagt Fred Bergsten in seinem 1997 erschienenen Werk The Dollar and the Euro, dass die EU 31 Prozent der Weltproduktion und 20 Prozent des Welthandels, die innereuropäischen Transaktionen ausgeschlossen, ausmacht. Im Gegenzug erwirtschaften die Vereinigten Staaten 27 Prozent der Weltproduktion und 18 Prozent des Welthandels. Auf Basis der Dollar- und der Euro-Währungen und gegebenenfalls in Verbindung mit dem japanischen Yen und dem britischen Pfund Sterling ließe sich eine Weltwährung etablieren. Auch weisen die Märkte dieser Volkswirtschaften hoch entwickelte Finanzsysteme mit sehr fortschrittlichen Informationsnetzwerken auf. Hinzu kommt die politische Stabilität, die im Fall der Vereinigten Staaten und der Europäischen Union verfassungsrechtlich bzw. vertraglich unter den einzelnen Staaten geregelt ist und sich historisch bewiesen hat. Weiterhin würde eine Weltwährung selbst erst ihren Wert erhalten, wenn eine möglichst große Anzahl von Volkswirtschaften bzw. Marktteilnehmern sie nutzt. Auch dieser Aspekt wäre für eine Weltwährung auf Grundlage der aktuellen Leitwährungen erfüllt.[24]«1

Globo – Wechselkurs auf globaler Ebene 

»Der „Globo“, eine eigens geschaffene Verrechnungseinheit für den Welthandel, ist die Alternative zur ungerechten und instabilen Dollarhegemonie. Er bietet Planungssicherheit und beendet Währungsspekulation. Der Globo setzt sich aus einem „Korb“ aller wichtigen Weltwährungen zusammen. Die Wechselkurse zwischen den einzelnen Währungen werden nach realer Kaufkraftparität angepasst. Um Abhängigkeiten und Machtgefälle zu vermeiden, müssen stark unausgeglichene Handelsbilanzen sanktioniert werden – etwa über Zinsen oder Zölle. In der EU wird der Globo von Kooperation im Bereich der Steuer-, Lohn- und Wirtschaftspolitik begleitet, um negativen Standortwettbewerb bei Steuern und Löhnen zu verhindern.«2
 
»In Anbetracht der Tatsache, dass auch der US-Dollar in historischen Schwierigkeiten steckt und die BRIC-Länder (Brasilien, Russland, Indien und China) auf eine Neulösung der Weltwährungsordnung drängen, wäre vielleicht der Beste Weg von allen, eine globale Währungskooperation zu starten, wie ich sie seit 2006 in meinen Büchern fordere. Die Idee dafür stammt von John Maynard Keynes aus der Kriegszeit. 1944 schlug er vor, eine gemeinsame Verrechnungseinheit für den internationalen Wirtschaftsaustausch (Handel, Tourismus, Investitionen) zu schaffen, die sich aus einem Korb der Währungen der Mitgliedsstaaten zusammensetzt. Die nationalen Währungen würden alle erhalten bleiben, jedoch würde ihr Wechselkurs zum »Globo« (bei Keynes: Bancor) gemeinsam festgesetzt und verteidigt werden. Es wäre ein Wechselkurssystem auf globaler Ebene, wobei die internationalen Handelsströme in der Weltwährung abgerechnet würden.
 
Mit dem Doppelvorteil von Stabilität und Flexibilität: Falls ein Land eine hohe Inflation und ein Handelsdefizit aufweist – wie Griechenland oder die USA -, könnte es abwerten; Überschussländer wie Deutschland oder China müssten hingegen aufwerten. Ziel wären ausgeglichene Handelsbilanzen. Um Ungleichgewichte unattraktiv zu machen, würde es sogar Sanktionen geben (ähnlich dem Euro-Stabilitätspakt): Wer zu lange vom Gleichgewicht abweicht, ohne auf- oder abzuwerten, müsste Strafen zahlen – je länger und größer die Abweichung, desto mehr.
 
Keynes war nicht nur von makroökonomischen Überlegungen getrieben, er hatte unter dem Eindruck des Zweiten Weltkrieges und vergangenen Währungskonflikt vor allem eines im Sinn: den globalen Frieden, was er 1943 vor allem eines im Sinn: den globalen Frieden, was er 1943 nicht ohne Pathos festhielt. »In der Nachkriegswelt muss eine größere Bereitschaft zu übernationalen Abkommen verlangt werden. Wenn die vorgeschlagenen Vereinbarungen als Maßnahmen militärischer Abrüstung bezeichnet werden können, so sind sie doch milde im Vergleich zu den Maßnahmen militärischer Abrüstung, die von der Welt vermutlich akzeptiert werden müssen […] Der Plan macht einen Anfang auf dem Weg in eine Neuordnung der zukünftigen wirtschaftlichen Beziehungen in der Welt unter  den Nationen und zu einem >Gewinn des Friedens<.«20 Im Unterschied zum missglückten Euro wäre der von Keynes angedachte Plan tatsächlich ein – globales! – Friedensprojekt.
 
In den Fußstapfen von Keynes plädiert auch UNTAD-Chefökonom Heiner Flassbeck für ein »System realer effektiver Wechselkurse« (real effektiv exchange rates).21 Laut Flassbeck würden sich die Handelsbilanzen bei regelmäßiger Anpassung der Wechselkurse an die realen Kaufkraftparitäten von selbst ausgleichen, weil produktivere Länder automatisch teurer und weniger Länder automatisch billiger würden (der Übersetzungsmechanismus von höherer/niedriger Produktivität zu niedrigeren/höheren Preisen sind die Löhne). Das müsste erprobt werden. Klappt es nicht, könnte ja der zweite Gang, die von Keynes vorgeschlagene Sanktion für Abweichler von ausgeglichenen Handelsbilanzen, zugeschaltet werden.«3

»Bewertung der Idee einer Weltwährung

Nach dem IWF Working Paper von Ewe-Ghee Lim wäre der Gebrauch einer einzigen Währung wesentlich effizienter als der Umlauf verschiedener Währungen. Dabei würden die Effizienzgewinne auf zwei Wegen erreicht. Zum einen würden leitende Transaktionen durch eine Währung weniger ausländische Devisenmärkte involvieren, was die Investitionskosten in Informationsnetzwerke deutlich verringert. Zum anderen würde das Transaktionsvolumen wachsen, da mit insgesamt weniger Devisenmärkten die Transaktionskosten weiter gesenkt werden könnten. Um diese Vorteile zu erklären gibt Ronald I. McKinnon in seinem Fachbeitrag The Euro Threat is Exaggerated von 1998 ein gutes Beispiel:
 
Angenommen es gibt N nationale Währungen. Durch den bilateralen Handel zwischen all diesen Währungen würden N*(N-1)/2 bilaterale Märkte entstehen. Wenn allerdings diese Märkte nur eine einzige der N Währungen als Handelswährung für alle Transaktionen auswählen und alle Wechselkurse quotiert sein würden, wäre die Anzahl der Märkte auf nur N-1 reduziert. In einer Welt mit 150 nationalen Währungen würde dieser Wechsel auf eine (Welt)-Währung eine Reduktion der bilateralen Märkte von 11.175 auf nur noch 149 und enorme Einsparungen an Transaktionskosten bedeuten. In Folge würde das Transaktionsvolumen deutlich wachsen und die Transaktionskosten weiter sinken.[9]
 
Nach Myron Frankman wäre eine Weltwährung mit unterstützenden Institutionen ein essentieller Bestandteil einer globalen Demokratie, welche den Rahmen für Vielfalt in allen Teilen der Welt herstellen könnte. Das Beispiel der Vereinigten Staaten zeigt, dass eine Währungsunion sich zum großen Vorteil für die Beteiligten entwickeln kann. Voraussetzung dafür wäre, dass sie sich nicht nur auf zentralisierte Währungsautoritäten stützt, sondern auch von anderen Institutionen getragen wird.[21]
 
Auch Länder, die nicht an einer supranationalen Währung beteiligt sind, würden nach Meinung von Robert Mundell schon von der Stabilität der Wechselkurse profitieren, da ein solches Währungsgebiet eine Ankerfunktion für weitere nationale Währungen einnehmen könnte. Weiterhin wäre eine Weltwährung der Inbegriff eines Sozialvertrags, in dem jedes Mitgliedsland einen juristischen Anspruch entsprechend seiner wirtschaftlichen Größe wahrnehmen könnte.[25]

Hindernisse und Probleme

Aus politischen Gründen haben die einflussreichen Nationalstaaten kaum ein Interesse, ihren geldpolitischen Einfluss aufzugeben oder mit anderen Ländern zu teilen. Dabei spielen die dann entgehenden Seigniorage-Einnahmen ebenso eine Rolle wie das damit vermutlich stark zunehmende geldpolitische Gewicht von Schwellen- und Entwicklungsländern. Da eine politische Kontroverse über das Thema derzeit ebenso wenig stattfindet wie eine ökonomische, ist eine Änderung des Status quo nicht zu erwarten.[8]
 
Nach Arthur Grimes gibt es zwei Gründe, warum Länder heutzutage keine Weltwährung annehmen möchten. Zum einen besitzt das eigene Land eine geschichtlich lang geprägte Währung. Wichtiger noch ist die Erkenntnis, dass jedes andere Land ebenfalls über eine geschichtlich lang geprägte nationale Währung verfügt. Bis heute existiert praktisch keine Weltwährung, die Länder akzeptieren könnten.[20]
 
Nach Myron Frankman ist die attraktivste Aussicht auf eine tiefere politische und wirtschaftliche Integration die Erhaltung und der Wiederaufbau regionaler Vielfalt und Kontrolle. Die Akzeptanz einer einzigen Weltwährung fordert allerdings den Verzicht auf viele nationalen Ansprüche, sowohl symbolisch als auch reale, sodass sie in absehbarer Zeit nicht existenzfähig ist.[26]
 
Nach Gudrun Leichtlein, Mitarbeiterin der Deutschen Bundesbank, wirft die Entwicklung einer Weltwährung große Fragen auf. Essentiell für eine Etablierung wäre ein solides Vertrauen in den Wert dieser Währung. Um dieses Vertrauen zu erreichen, bedarf es einer breiten internationalen Verwendung dieser Weltwährung. Weiterhin müsste die globale Liquidität gesteuert und eine übermäßige Liquiditätsversorgung ausgeschlossen werden. Ebenfalls sollte eine unabhängige Weltzentralbank geschaffen werden, was enorme politische Fragen aufbringt, da ein Konsens über Entscheidungsträger schwer vorstellbar ist. Das Hineinwachsen einer Währung in die Rolle als Weltwährung sieht sie als einen sehr langwierigen Prozess. Zuerst bedarf es eines zunehmenden Einsatzes dieser Währung in einem Bereich, um ihr zusätzlich Auftrieb in ihrer Verwendung zu verschaffen. Allerdings stehen einzelne Verwendungsbereiche nicht isoliert nebeneinander, sondern bedingen und fördern sich gegenseitig. Letztendlich würden die Marktteilnehmer über den Einsatz einer Weltwährung entscheiden.[27]
 
Ökonomen halten stattdessen die Bildung regionaler Währungsblöcke (ein Dollarblock in Nord- und Südamerika sowie im pazifischen Raum, ein Euroblock in Europa und Afrika sowie ein asiatischer Währungsblock) für wahrscheinlicher.[15]«4
Quellenangaben:

1 https://de.wikipedia.org/wiki/Weltw%C3%A4hrung

https://www.attac.at/ziele/alternatives-finanzsystem/in-3-minuten/loesungen.html

3 FELBER (2012), 98 – 100.

https://de.wikipedia.org/wiki/Weltw%C3%A4hrung