Hebel 9 / Globale Energiewende –> Erneuerbare Energie

»Die Energienachfrage steigt und wird sich nach Meinung der International Energy Agency (IEA) bis 2050 verdoppeln. Gründe sind die zunehmende Industrialisierung in den Schwellenländern sowie die wachsende Weltbevölkerung. Obwohl auf die Industrienationen nur rund 15 Prozent der Weltbevölkerung entfallen, verbrauchen sie heute die Hälfte des weltweiten jährlichen Energiebedarfs.

Zwar kann derzeit niemand die Folgen des Klimawandels vorhersagen, doch wissen wir heute um die Risiken. So rechnet das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) bis 2050 alleine in Deutschland mit ökonomischen Schäden durch den Klimawandel in Höhe von 137 Milliarden Euro, wenn nicht rechtzeitig gegengesteuert wird.

Dabei stehen wir vor einem Energie-Dilemma – oder besser -Trilemma: Einerseits müssen Klimaschutzziele eingehalten werden, andererseits steigt bei wachsender Weltbevölkerung der Energiebedarf, insbesondere in den sich entwickelnden Volkswirtschaften. Drittens müssen die neuen Energien bezahlbar bleiben. Die Lösung liegt nach Ansicht der Energieexperten von der IEA nicht in einer einzelnen Energieform sondern in einem ausgewogenen, ökologisch und ökonomisch sinnvollen Energiemix.

Dieser kann erreicht werden, indem das Energieangebot erweitert und die Energieversorgung auf nachhaltige Technologien umgestellt wird.«1

Globale Energiewende – Trump steigt aus, der Rest der Welt steigt um

»Eine viel beachtete Studie zur Entwicklung der weltweiten Stromerzeugung kommt zu einem erstaunlichen Ergebnis: Sonne sticht, Kohle wird begraben – und alles geht viel schneller als gedacht. Leider nicht schnell genug.

Die Fachleute von Bloomberg New Energy Finance haben ihren New Energy Outlook 2017 (NEO 2017) veröffentlicht. Die Prognose über die Entwicklung der weltweiten Stromerzeugung bis 2040 enthält einige Überraschungen. Erstens: Die globale Energiewende kommt schneller voran als noch im Outlook 2016 prognostiziert. Zweitens: Drei Viertel des Kapitals, das bis 2040 in die Stromerzeugung investiert wird, geht in Windkraft und Photovoltaik. Drittens: Der Bau zusätzlicher Kohlekraftwerke kommt bereits 2026 zum Erliegen.

“Der diesjährige Report legt nahe, dass das Ergrünen der weltweiten Stromwirtschaft nicht aufzuhalten ist”, sagt Seb Henbest, Chefautor der Studie. “Dank schnell fallender Kosten für Strom aus Solar- und Windkraft sowie der wachsenden Bedeutung von Batterien – auch jener in E-Autos – für den Ausgleich von Angebot und Nachfrage.”

Kostenpunkt: 10,2 Billionen Dollar

Der New Energy Outlook (siehe Infokasten “Die Studie”) erwartet bis 2040 einen Anstieg des weltweiten Stromverbrauchs um 58%. Die dafür nötigen Investitionen beziffert man auf die gewaltige Summe von 10,2 Billionen Dollar, was dem Dreifachen der deutschen Wirtschaftsleistung entspricht. Von dieser Summe fließen fast drei Viertel (72% bzw. 7,4 Billionen USD) in erneuerbare Energien.

Das meiste geht in den Ausbau der Windkraft (3,3 Billionen USD), gefolgt von der Photovoltaik (2,8 Billionen). Solar- Und Windkraft werden dann für die Hälfte (48%) der globalen Kraftwerkskapazität stehen (heute: 12%) und ein Drittel (34%) der Elektrizität erzeugen (heute: 5%). Regional spielt die Musik in Asien: Auf China und Indien entfallen allein 4 Billionen Dollar der gesamten Investitionen.

Der Preissturz

Der Preisverfall erneuerbarer Energien wird sich laut NEO-Prognose fortsetzen – durch technologischen Fortschritt und Massenproduktion. Die Photovoltaik, die sich seit 2009 bereits um drei Viertel verbilligt hat, wird bis 2040 um weitere 66% günstiger. Damit kostet Solarstrom im Jahr 2040 nur noch 8% des 2009er Preises.

Windkraft war bereits 2009 vergleichsweise günstig und ist bis heute noch einmal um 30% gefallen. Bis 2040 rechnen die Experten von Bloomberg New Energy Finance (kurz: BNEF, siehe Infokasten) mit einem weiteren Rückgang um 47%, vor allem durch effizientere Turbinen. Damit wird Windstrom 2040 nur noch 30% des 2009er Preises kosten.

“Tipping Point”

Das heißt in der Praxis: Bereits in wenigen Jahren werden neu errichtete Solar- und Windparks in direkter Konkurrenz stehen zu neuen fossilen Kraftwerken. Gegen Ende der 2020er Jahre werden sie dann auch bereits existierende fossile Kraftwerke aus dem Markt drängen. “Der Tipping Point kommt früher und man kann nicht bestreiten, dass diese Technologie billiger wird, als wir vormals dachten”, sagt Henbest.

In Indien, einem Schlüsselmarkt, zeigt sich bereits, was er damit meint. Bei einer Auktion zum Bau eines Solarkraftwerks im Februar 2017 ging der Zuschlag an ein Unternehmen, das Strom für 3,3 Rupien (4,6 Euro-Cent) pro KWh anbieten wird. Im Mai bekam ein 200-MW-Solarkraftwerk für 2,44 Rupien (3,4 Cent) den Zuschlag, weitere 300 MW gingen für 2,45 Rupien “über den Tresen”. Zum Vergleich: Der durchschnittliche indische Strompreis, ganz überwiegend Kohlestrom, lag im April bei 2,77 Rupien. (Mehr zu Indiens Energiewende rechts “Der Modi-Plan”)

Killing coal

Dies hat unmittelbare Auswirkung auf die Ausbaupläne für Kohlekraftwerke. “Kraftwerksentwickler, Versorger und Investoren beobachten allesamt die rapiden Veränderungen der […] Energielandschaft und hinterfragen Annahmen, die vor zwei bis drei Jahren noch völlig vernünftig waren, heute aber überholt sind”, sagt Tim Buckley vom Institute for Energy Economics and Financial Analysis.

Will heißen: Bevor ein Betreiber sich entschließt, ein neues fossiles (oder nukleares) Kraftwerk zu bauen, das ab Tag eins der Inbetriebnahme rote Zahlen schreibt, denkt er lieber zweimal nach. Der Kapitalmarkt, der das Unterfangen finanzieren muss, tut dies auch. Schließlich bindet man sich für Jahrzehnte.

Vor diesem Hintergrund erwartet BNEF den Höhepunkt der Kohleverstromung – peak coal – bereits 2026, früher als gedacht. Außerdem, so die Experten, würden nur 35% der heute geplanten Kohlekraftwerke tatsächlich gebaut werden. Der Rest, 369 Gigawatt, werde gekillt. Das entspricht der Energieerzeugungskapazität von Deutschland und Brasilien zusammen. Ein Drittel der Streichliste entfällt allein auf Indien. Eine Meldung aus dem April, dass dort nun 14 GW an Kohlekraftwerken doch nicht errichtet werden, stützt die NEO-Prognose.

Brennpunkt Asien

Gleichwohl schreitet der Kohleausbau in Asien zunächst noch voran. Der größte Markt, China, wird sein Kohlemaximum 2026 erreichen und dann 20% mehr Kohle verstromen als heute. In Indien, ärmer und rückständiger, wird sich der Zyklus erst in den 2030ern drehen.

Der Kohleausbau in Asien wird jedoch kompensiert durch den Kohleausstieg westlicher Industrieländer. In den USA werde laut NEO-Prognose die Kohleverstromung – trotz der Pläne Donald Trumps, den Energieträger zu fördern – bis 2040 um 45% sinken und vornehmlich durch Erneuerbare sowie billiges Erdgas verdrängt werden.

In Europa werde sich die Kohleverbrennung zur Stromerzeugung sogar um 87% reduzieren. Gaskraftwerke würden wegen des in Europa vergleichsweise teuren Brennstoffs vorwiegend als sogenannte Peaker zum Abfangen von Spitzenlasten im Netz eingesetzt werden. Dies setzt, nebenbei, ein weiteres Fragezeichen hinter die Ausbaupläne der Nord-Stream-2-Pipeline für zusätzliches Gas aus Russland.

Batterien schaffen Balance

Das Bewältigen von Spitzenlasten, ebenso wie die schwankende Einspeisung aus Wind und Sonne stellen heute die zentrale Schwierigkeit für Netzbetreiber dar. Hier kommen Lithium-Ionen-Batterien ins Spiel. Deren Preise befinden sich im gleichen Sturzflug wie bei der Photovoltaik. BNEF rechnet bereits bis 2030 mit einer Verbilligung um 73%.

Dies bedeutet, dass Batterien bereits auf Netzebene und in Kraftwerksmaßstab Spitzenlast bedienen und Einspeisespitzen werden auffangen können. Erste Projekte, z.B. in Australien, entstehen gerade. Gleichzeitig fungiert die wachsende Flotte an E-Autos (die Autoren der NEO-Studie erwartet 2040 13% in den USA und 12% in Europa) quasi als gigantischer vernetzter Stromspeicher. Der Grund: Deren Batterien werden vorzugsweise dann geladen, wenn Strom im Überfluss vorhanden und somit billig ist (smart grid – das schlaue Netz).

Trotzdem: Ziel verfehlt

Insgesamt erwartet der New Energy Outlook 2017 das Maximum der CO2-Emissionen aus der Stromerzeugung für das Jahr 2026, 10% höher als heute. 2040 werden die Emissionen dann 4% unter dem heutigen Niveau liegen.

Für die Einhaltung des 2-Grad-Klimaziels reicht das nicht.«2

100 Prozent erneuerbare Energie bis 2050 weltweit?

»Erneuerbare Energien sollen Kohle, Öl und Gas ersetzen und die Erderwärmung stoppen. Doch ist eine Energieversorgung zu 100 Prozent mit Erneuerbaren weltweit bis 2050 realistisch? Ein Report gibt jetzt darauf Antworten.

114 namhafte Energieexperten aus allen Regionen der Welt wurden für den Renewables Global Futures Report befragt.  Der jetzt in New York vorgestellte Bericht des Renewable Energy Policy Network for the 21st Century (REN21) analysiert die Machbarkeit des weltweiten Umstiegs auf 100 Prozent erneuerbare Energien bis 2050 und hat dazu Experten aus Wissenschaft, Wirtschaft, Politik und Zivilgesellschaft befragt. Finanziert wurde die Studie von der deutschen Regierung und dem World Future Council.

Andere Länder, andere Sicht

Von den befragten Energieexperten betrachten 71 Prozent eine Energieversorgung mit 100 Prozent erneuerbarer Energien bis 2050 weltweit für realisierbar. Diese Einschätzung haben vor allem Experten aus Australien, den Inselstaaten im Pazifik, Europa und internationalen Organisationen.

17 Prozent der befragten Energieexperten halten den weltweiten Umstieg auf erneuerbare Energien dagegen für nicht realisierbar und unrealistisch. Die skeptischere Haltung gibt es vor allem bei Energieexperten aus Japan und den USA.

In Japan werden laut Report erneuerbare Energien als nicht günstig wahrgenommen, zudem wehrt sich die Nuklearindustrie massiv dagegen. In den USA sehen die Experten den Ersatz von Öl im Transportsektor als die schwierigste Herausforderung bis 2050. Darüber hinaus seien die Interessen der konventionellen Energiewirtschaft ein großes Hindernis beim Energieumbau.

Auch die Experten aus Afrika und Lateinamerika sind eher skeptisch, dass eine Energieversorgung mit 100 Prozent erneuerbaren Energien bis 2050 erreichbar sein kann. Sie bemängeln fehlendes Wissen und Bewusstsein vor allem bei Entscheidungsträgern, eine oft widersprüchliche Energiepolitik und ein fehlendes Know-how für Betrieb und Wartung sauberer Technologien.

Etwas optimistischer zeigten sich demgegenüber Energieexperten aus China und Indien. Die chinesischen Experten sehen eine weltweite Energieversorgung zu 100 Prozent mit erneuerbaren Energien bis 2050 aus Kosten- und Finanzierungründen skeptisch, auf lokaler und regionaler Ebene aber technisch und wirtschaftlich machbar.

Ein zweigeteiltes Bild geben in dieser Frage die zehn befragten indischen Energieexperten ab. Fünf von ihnen halten es für wahrscheinlich, dass bis 2050 die weltweite Energieversorgung zu 100 Prozent mit erneuerbaren Energien gedeckt wird, die anderen fünf Experten zeigten sich unentschieden oder halten dies für nicht realistisch.

Laut Report ist das Potenzial der erneuerbaren Energien für die Deckung des weltweiten Energiebedarfs mehr als ausreichend. In Afrika ist das Potenzial der Erneuerbaren sogar 200 Mal größer als der Energieverbrauch und in Nahost, Australien und Lateinamerika 30 bis 60 Mal höher. Auch in den Russland, China, Europa und USA gibt es ein ausreichend großes Potenzial für die Deckung des regionalen Energiebedarfs.

Starke Fehlprognosen in der Vergangenheit

Der Futures Report zeigt darüber hinaus, wie überraschend das rasante Wachstum der erneuerbaren Energien selbst für ausgewiesene Energieexperten war und dass sogar die internationale Energieagentur (IEA) bei ihren Prognosen die Dynamik der Erneuerbaren stark unterschätzte.

So prognostizierte die IEA in ihrem World Energy Outlook von 2005 eine global installierte Photovoltaik-Kapazität von 22 Gigawatt (GW) für das Jahr 2020 und von 104 GW für das Jahr 2050. Im Jahr 2016 waren aber schon weltweit Photovoltaikanlagen mit einer Kapazität von 296 GW installiert.

“Die Zukunft der erneuerbaren Energien sah damals anders aus als heute. Damals hätte sich auch niemand vorstellen können, dass schon 86 Prozent aller 2016 gebauten Stromkraftwerke in der EU ihre Energie aus erneuerbaren Quellen beziehen. Auch konnte sich damals niemand vorstellen, dass China Vorantreiber der erneuerbaren Energien wird”, sagt Arthourous Zervous, Vorsitzender von REN21 bei der Vorstellung der Studie in New York auf dem Sustainable Energy for All Forum.

“Der Bericht präsentiert eine breite Palette von Gutachten. Er soll dazu beitragen, dass die Chancen und Herausforderungen diskutiert werden, die mit dem Erreichen einer 100-prozentigen Energieversorgung durch Erneuerbare bis 2050 verbunden sind”, ergänzt Christine Lins, Generalsekretärin von REN21. “Wunschdenken wird uns nicht zum Ziel bringen. Nur mit einer fundierten Debatte können die richtigen politischen und finanziellen Anreize gesetzt werden, um die Geschwindigkeit zu beschleunigen”.

Energie-Umbau braucht vorausschauende Politik

Überzeugt zeigen sich die meisten Experten im Bericht auch davon, dass die Kosten für erneuerbare Energien weiter sinken und innerhalb der nächsten zehn Jahre billiger werden als fossile Brennstoffe. Im Stromsektor – heißt es außerdem im Bericht – sind Wind- und Solaranlagen in den meisten OECD-Ländern schon heute konkurrenzfähig gegenüber neuen konventionellen Kraftwerken.

Während der Report positiv hervorhebt, dass in ländlichen Regionen schätzungsweise 100 Millionen Menschen in den letzten Jahren erstmals Zugang zu einer Stromversorgung durch erneuerbare Energien bekamen und die Märkte für sogenannte Off-grid Systeme schnell wachsen, bemängeln die Experten das Fehlen einer vorausschauenden Politik in den meisten Ländern. “Es fehlt an einem stabilen Klima für Investitionen in Energieeffizienz und erneuerbare Energien. Dieser Mangel an politischer Sicherheit behindert die Entwicklung in den meisten Ländern”, lautet ein weiteres Fazit des Reports.«3

Wie kann man die Energiewende beschleunigen?

»Maßgebliche Entscheidungen müssen nun von politischer Seite getroffen werden, gezielte Aktionen folgen. Richtlinien und Vorschriften seien dabei entscheidend für die Schaffung eines stabilen und attraktiven Marktes für regenerative Energien, folgert IRENA. Politische Regulierung sei vor allem erforderlich, um Risiken zu reduzieren und eine gerechte Finanzierung zu ermöglichen. Laut Bericht haben sich bis heute mehr als 170 Länder Erneuerbare Energieziele gesetzt, fast 150 hätten Maßnahmen ergriffen, um Investitionen in Erneuerbare Energietechnologien attraktiver zu machen.«4

Abschließend: Die globale Energiewende hin zu erneuerbaren Energien, kann nur dann möglichst rasch erfolgen, wenn sich möglichst alle Staaten global dazu entschließen. Die nötige Technologie und deren weiter Entwicklung ist unaufhaltsam und schafft die Voraussetzung, dass tatsächlich eine nachhaltige Kehrtwende stattfinden kann. Aus heutiger Sicht führen wir einen Kampf gegen die Zeit, damit das 2 Grad Klimaziel nicht verfehlt wird. Nur wenn sich die Staaten erneut global abstimmen, die nötigen finanziellen Mittel global koordiniert festgelegt werden und vor allem Amerika sich wieder dem Pariser Abkommen verpflichtet, hat man die reale Chance die Klimaziele einzuhalten und die benötigte Energiewende möglichst zeitnah global herbeizuführen. Wesentlich wäre auch, dass man aus den Lippenbekenntnissen einen verbindlichen Vertrag für alle Staaten mit den nötigen Zielen aufsetzt, dann hätte man eine vernünftige Basis.

Quellenangaben:

https://www.the-linde-group.com/de/clean_technology/clean_energy/index.html

https://www.3sat.de/page/?source=/makro/thema/193241/index.html

http://www.dw.com/de/100-prozent-erneuerbare-bis-2050-weltweit/a-38265724

http://www.sonnenseite.com/de/energie/rethinking-energy-2017-energiewende-beschleunigen.html